Beruf(ung) – Volker Michels

Volker Michels ist ein Büchermensch – das wird jedem, der sehen kann, sofort bewußt, wenn er die Wohnung im ersten Stock in der Offenbacher Innenstadt betritt. Bis unter die Decke reichen die vollen Bücherregale, jeder Fleck der Wohnung ist belegt. Es herrscht eine angenehme und entspannte Atmosphäre, von der Straße dringt kein Lärm hinauf, die Außenwelt verliert an Bedeutung. Unwillkürlich möchte man ein Buch in die Hand nehmen und zu lesen beginnen.

Volker Michels ist Lektor und Herausgeber. Sein Hauptaugenmerkt liegt auf dem literarischen, brieflichen und bildnerischen Nachlaß von Hermann Hesse. In Zusammenarbeit mit Hermann Hesses Sohn Heiner hat er ein von Forschern aus aller Welt benutztes Hermann Hesse-Editionsarchiv aufgebaut. In langen Ordnerreihen liegen Erstausgaben, Manuskripte, Rezensionen, Hesse-Übersetzungen, Sekundärliteratur, Widmungen, Fotos, aber auch Aquarelle von Hermann Hesse. Alles ist nach einem eigenen System geordnet. Es ist die Grundlage der täglichen Arbeit von Herrn Michels.

Alles begann mit einem Brief, den der Internatsschüler Michels an den Nobelpreisträger Hesse schrieb. Der Schulroman „Unter dem Rad“ hatte ihn tief beeindruckt, seine eigenen Erfahrungen im Internat fand er dort wieder. Also schrieb er einen Brief – und erhielt eine Antwort. Daraus entwickelte sich ein Briefverkehr, der bis zum Tod von Hesse 1962 anhielt.  1969 holte ihn Siegfried Unseld, der Verleger des Suhrkamp- und Insel Verlags, als Lektor für deutsche Literatur. Dort arbeitete er fast 40 Jahre. Die Bibliographie der von Volker Michels herausgegeben Bücher umfaßt annähernd 150 Titel. Es sind dies Werke von Autoren des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Die Stimmung in diesem Bücherparadies ist ruhig und konzentriert. Man scheut hektische Bewegungen, Lautes. Vielleicht braucht man gerade diese Art von Ruhe, wenn man an Herkulesaufgaben arbeitet. Vor diesen hat Volker Michels keine Angst – 2007 schloss er die erste, 21 Bände umfassende Hesse-Gesamtausgabe ab. Sie umfaßt etwa das Doppelte dessen, was Hesse zu Lebzeiten in Buchform vorgelegt hat. Seit 2008 arbeitet Michels nun an einer auf zehn Bände angelegten Ausgabe von Hermann Hesses Briefen, die als Ergänzung der „Sämtlichen Werke“ konzipiert ist. Der erste Band ist im vergangenen Jahr erschienen. Die Suche nach Briefen von Hermann Hesse erfordert dabei manchmal einen detektivischen Spürsinn, den man bei einem Büchermenschen nicht vermuten würde.

Volker Michels ist aber nicht der Hohepriester eines Hesse-Kultes und sein Archiv hat nicht den Zweck der „Anbetung“ des Idols Hermann Hesse. Ganz im Gegenteil, Volker Michels versuchte mich nicht von der Einzigartigkeit Hesses zu überzeugen, sondern seine Arbeit mit dem Autor und Mensch Hesse hat eine Natürlichkeit und Unaufgeregtheit, die man auch finden kann, wenn man sich das Porträt von Hermann Hesse ansieht, das am Schreibtisch von Volker Michels an der Wand hängt. Es zeigt einen bescheiden auftretenden älteren Mann, der ganz bei sich ist – abgeklärt aber nicht resigniert. Möglicherweise ist genau dieser „Mangel“ an Selbstinszenierung dafür verantwortlich, daß Hesse vom Leser geliebt wird aber nicht unbedingt von der Literarturkritik. Michels sagt dazu: „Hesse spricht Probleme direkt an. Sie sind nicht verschlüsselt und müssen nicht erst gedeutet werden. Dadurch ist er bei Literaturwissenschaftlern, die ja lieber ihre eigenen Interpretationen hören wollen, nicht unbedingt beliebt.“ Hesse ermutigte seine Leser, auf eigenen Beinen zu stehen und sich gegen jede Art von Bevormundung seitens politischer oder religiöser Gemeinschaften mit festen dogmatischen Regeln zu wehren: „Leben Sie nach dem Drang ihres Herzens!“ Auch weigerte er sich, allgemeingültige Rezepte und Leitlinien zu geben und machte dagegen Mut zur Selbsthilfe: „Nicht fremde Autoritäten, sondern nur wir selbst können unsere Probleme lösen; nur der Einzelne ist erziehbar und verbesserungsfähig.“ Dafür verteidigt der sonst so ruhige Volker Michels auch mit Verve Hesse gegen die Abneigung eines Marcel Reich-Ranicki.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

Links:

http://faustkultur.de/autoren-kuenstler/volker-michels.html

http://faustkultur.de/kategorie/literatur/volker-michels-zur-rezeption-hermann-hesses.html

http://www.hermann-hesse.de

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