Mit der Großbildkamera Untertage

Es ist dunkel, die Luft pfeift durch die Gitter des Förderkorbs. Festhalten ist nicht notwendig, denn der Förderkorb ist vollbesetzt und man gibt sich so gegenseitig Halt. Es geht abwärts, mit 12 Metern pro Sekunde – mehr ein Fallen als eine Fahren. Schweigend stehen die Männer im Förderkorb, die am Bauch baumelnden Kopflampen sind die einzige Lichtquelle. Sie spenden ein warmes, gelbliches Licht, das an eine Kerze erinnert. Keiner spricht ein Wort auf der Fahrt nach unten. Licht blitzt auf, für den Bruchteil einer Sekunde sieht man ein Gitter, einen Tunnel und erkennt eine Sohle. Schon ist sie vorbei und man versteht plötzlich, wie schnell es mit einem abwärts geht. Angst? – nein, Neugierde, ein unbestimmbares Gefühl gut aufgehoben zu sein und gerade etwas zu erleben, was einem im Gedächtnis haften wird.

Nun bin ich dort angekommen, wo der Rohstoff – Steinkohle – aus dem Boden geholt wird. Für mein Porträtprojekt „Gesichter der Energie“ porträtiere ich die Menschen, die sicherstellen, daß der „Strom aus der Steckdose kommt“.

Aufnahme Bergwerk 1

Es ist ein kalter, diesiger Dezembertag, als ich frühmorgens mit meinem Assistenten am Bergwerk ankomme. Unvermittelt, mitten im Wald, stehen wir davor. Nach einer kurzen Begrüßung geht alles ganz schnell. Es gilt den Zeitplan einzuhalten, denn der Fahrplan des Förderkorbes gestattet keine Abweichung. Nach einer kurzen Einweisung, wie der CO2-Filter-Selbstretter für Notfälle zu bedienen ist, geht es zum Umziehen. In der Umkleide wird uns die Arbeitskleidung fast wortlos in die Hand gedrückt. Aus Sicherheitsgründen muß die Bekleidung aus reiner Baumwolle bestehen. An der Wand hängt ein blauer Schal mit der Aufschrift „Schalke 04“. Die Unterwäsche der Traditionsmarke „Schiesser Feinripp“ schlabbert an meinem Körper, ausgeleiert von unzähligen Kochwäschen. Einen Schönheitspreis gewinne ich damit nicht. Nachdem ich zum Schluß noch das Halstuch anlegelegt habe, kann es losgehen zum Förderkorb. Der Akku der Lampe wiegt schwer, und ich gehe schweren Schrittes in den Sicherheits-schuhen. Wir stehen pünktlich vor dem Förderkorb, die Fotoausrüstung in Händen. Die Männer der vorgehenden Schicht kommen uns entgegen. Ihre Kleidung und ihre Gesichter sind geschwärzt vom Kohlenstaub. Sie haben es eilig die Karte durch die Stechuhr zu ziehen, denn die Umkleidezeit zählt nicht als Arbeitszeit und viele haben noch einen langen Weg nach Hause vor sich. An der Wand, ein mannsgroßer Spiegel. Darüber der Spruch „Dieser Mann ist für Deine Sicherheit verantwortlich“.

Wir sind unten angekommen. Über uns liegt nun mehr als ein Kilometer Deckgebirge. Als ich aus dem Förderkorb trete, bin ich überrascht. Die Sohle sieben ist eigentlich nichts mehr, als ein langer Tunnel. Die Wände sind vollständig weiß verschalt. Alles sieht sehr technisch, geplant aus. Aber wer erwartet schon ein paar Blumen und eine Gardine Untertage. Es ist weniger spektakulär als ich gedacht habe. Wir gehen an die Arbeit, suchen einen passenden Ort aus, stellen die Blitzlampen auf und schließen sie an die Akkus an. Ich will, daß bei den Porträts etwas vom Hintergrund zu sehen ist um die Menschen besser charakterisieren zu können. Fotografisch ist der Tunnel ein Albtraum – ein schwarzes Loch, das alles Licht schluckt. Ich baue die Plaubel auf, messe mit dem Belichtungsmesser das Licht. Das erste Polaroid zeigt, daß wir umdenken müssen. Wir improvisieren. Das Wetter, der starke Luftzug im Stollen, reißt ein Lampenstativ mit Schirm um. Zum Glück hat mein Assistent es aus dem Augenwinkel gesehen, und es im letzten Moment aufgefangen. Der Schirm ist hin, aber das ist unwichtig, denn die Zeit läuft. Nur zwei Stunden haben wir Zeit, bis es wieder mit dem Korb nach oben geht. Der Fahrplan muß eingehalten werden! Eine Stunde ist vorbei, als ich endlich mit den Porträts der Bergleute beginnen kann. Fokussieren. Auf der Mattscheibe der Plaubel erscheint der Bergmann vor mir kopfüber. Ich konzentriere mich auf sein Gesicht, stelle auf seine Augen scharf. Ein letzter Blick auf das Gesamtbild auf der Mattscheibe. Dann abblenden, Blende schließen, Verschluß spannen, Kassette rein, Schieber ziehen. Mit dem Drahtauslöser in der Hand lauernd auf den entscheidenden Augenblick, wenn das Bild „richtig“ erscheint. Hoffen, daß der Porträtierte keinen Schritt nach hinten macht und alles wieder von vorne beginnen muß. Klack! Der Verschluß löst kaum hörbar mit 1/15 Sekunde aus, der Blitz flammt auf und blendet, Schieber umgekehrt rein, Kassette raus, drehen und alles beginnt wieder von Vorne. Letztlich geht alles ganz zügig, ich mache 19 Fotos auf Sohle sieben und sechs Übertage. Jedes Porträt ist anders. Der eine lächelt, ein anderer ist eher ernst oder skeptisch. Aber alle wirken sie auf mich, als sei „Bergmann“ nicht nur ihr Beruf, sondern als wären sie Bergleute bis in die Haarspitze.

Wieder im Auto, das Ruhrgebiet liegt bereits hinter uns, sind wir still ob all’ der Eindrücke der letzten Stunden.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

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4 Gedanken zu „Mit der Großbildkamera Untertage

  1. Interessante Bilder und gut ausgeleuchtet in dieser Lichtschluckenden
    Umgebung, die nur für Wenige zugänglich ist. Auch der begleitende
    Text, spannend geschrieben. Das ist Fotografie!

  2. Schönwetter- und Reisefotografie ist leicht – so wie hier mit viel Kreativität und Sinn für Ästhetik in mehr oder minder nüchterner Arbeitsplatzatmosphäre interessante und ansprechende Blickwinkel zu finden (und dann auch technisch einzufangen), das fordert Respekt ein. Abgesehen davon, dass man sich erst mal unter Tage trauen muss, und das dann auch noch so gelungen in Worte fassen muss. Chapeau!

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