Vanessa Low – Porträt einer Sportlerin

Ein düsterer Tag im Februar. Die Wolken hängen tief, und es sieht nach Regen aus. Mein Assistent und ich haben kurz gefrühstückt und uns dann gleich nach Frankfurt-Kalbach aufgemacht. Dort, vor der Leichtathletikhalle des Sport- und Freizeitzentrums, sind wir mit der Paralympic Sportlerin Vanessa Low verabredet. Einer ihrer Sponsoren, die Klenke Medizintechnik in Liederbach, hat mich beauftragt, sie für eine Broschüre zu porträtieren. Wir müssen nicht lange warten, und Vanessa Low kommt in Begleitung einer Freundin. Sie wirkt noch etwas müde, aber ist dennoch gut gelaunt. Die lange und wegen eines gestrandeten ICEs, recht chaotische Anreise aus Norddeutschland steckte ihr wohl noch in den Knochen. Die große Leichtathletikhalle ist menschenleer. Die große Tribüne liegt verlassen im Morgenlicht. Man bekommt eine Ahnung von der Spannung und Hektik, die dort bei Wettkämpfen herrschen müssen. An diesem Morgen aber haben wir die Halle ganz für uns alleine. In Ruhe tragen wir die Generatoren, Leuchten und Stative herein und bereiten alles für die Aufnahmen vor. Ich beginne mit Porträt-aufnahmen. Frau Low hat eine sympathische, eine natürliche Ausstrahlung. So ist es leicht, sie zu fotografieren. Als nächstes stehen die Aufnahmen in ihren beiden Disziplinen Sprint und Weitsprung an. Bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro hat sie im Weitsprung die Goldmedaille und im 100 m Sprint die Silbermedaille geholt. Fasziniert betrachte ich, wie sie ihre beiden Alltagsprothesen gegen eine für den Wettkampf eintauscht. Im Jahr 2006 wurde sie an einem Bahnhof von einem Zug überrollt und verlor dabei beide Beine. Seit dieser Zeit muss sie Oberschenkelprothesen tragen. Die Prothesen, die sie für den Wettkampf trägt, bestehen aus Metall, das unterhalb des Knies in eine Karbonfeder übergeht, an deren Unterseite Spikes angebracht sind. Spontan kommt mir der Gedanke, dass sie mir hoffentlich nicht auf die Füße tritt.

Während sich Vanessa Low warm macht für den Sprint, bauen wir die Blitzanlage an der Laufbahn auf und ich mache dabei erste Testbilder. Bei den Aufnahmen muss alles sitzen, denn verletzungsbedingt werden wir nur ein paar Versuche haben. Mit der Kamera positioniere ich mich auf der Strecke. Den Fokus lege ich auf einen Punkt des Belags etwa zehn Meter vor mir und schalte den Autofokus aus. Er ist in dieser Situation zu langsam und keine Hilfe. Mein Assistent gibt das Startsignal, Frau Low rennt los, und ich warte, bis sie den entscheidenden Punkt erreicht und löse dann aus. Die Blitzanlage leuchtet auf, und nach drei Versuchen habe ich die Bilder, die ich mir vorgestellt habe. Ihr Laufstil ist für mich ungewohnt – wenn sie an mir vorbeiläuft, wirkt es wie Schweben.

Als nächstes fotografiere ich sie beim Weitsprung. In Rio de Janeiro sprang sie mit 4,93 m eine neue Weltrekordweite. Auch diese Aufnahmen gelingen nach wenigen Versuchen. Zum Abschluss porträtiere ich sie noch, die Goldmedaille in Händen haltend.

Anschließend packen wir unsere Gerätschaften zusammen und beschließen die Aufnahmesession mit einem Burgeressen in Bonames.

Auf der Rückfahrt unterhalten wir uns im Wagen über die vergangenen Fotoaufnahmen und sind uns einig, dass uns Vanessa Low mit Ihrer Natürlichkeit und ihrer Art sich durch nichts, aber rein gar nichts unterkriegen zu lassen, sehr beindruckt hat.

Ich danke dem Sportamt der Stadt Frankfurt ganz herzlich für die Erlaubnis der Aufnahmen in der Leichtathletikhalle und dem Hausmeisterteam des Sport- und Freizeitzentrums Kalbach, das uns bei den Aufnahmen dort unterstützt hat.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

Weblinks:

http://www.klenke-medizintechnik.de

https://de.wikipedia.org/wiki/Vanessa_Low

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Benno Fürmanns Blick

Fotografieren am Filmset

Eine alte, aufgelassene Schule von der der Putz abbröckelt. An den Straßenlaternen davor wirbt die DKP mit ihren Wirtschaftsexperten Marx, Engels und Lenin um Wählerstimmen. Auf der Wiese parken ein paar Autos, Filmausrüstung liegt scheinbar achtlos herum. Die Sonne scheint, es ist ein warmer Augusttag. Auf ein paar Bänken unter einem Sonnensegel haben es sich einige Mitglieder der Filmcrew bequem gemacht, trinken Kaffee und warten auf ihren Einsatz. Man ist jung, kreativ und per Du. Ich bin in Henningsdorf am Rande von Berlin angekommen, am dem Set des Films „Nachthelle“. Ich bin dort mit einer befreundeten Journalistin. Meine Aufgabe ist es, Bilder des Hauptdarstellers Benno Fürmann zu machen. „Nein, Ihr könnt jetzt nicht herauf. Die proben gerade. Das ist jetzt ungünstig.“ Also nehmen wir uns auch einen Kaffee und warten auf eine günstige Gelegenheit. Nach einer Viertelstunde ist es günstig, und wir gehen in die alte Schule. Im Foyer ist es stockdunkel und es riecht muffig. Es sind noch wenige Drehtage übrig und die Zeit drängt. Die Stimmung ist dennoch entspannt, familiär und konzentriert. Ich bin erstaunt zu sehen, wie viele sich auf einem Filmset tummeln. Aber jeder ist sich anscheinend seiner Aufgabe bewußt und wartet darauf einzuspringen. Die Szene, die gerade geprobt wird, ist ein kurzes Zusammentreffen der Hauptpersonen. Ein paar Sätze, die aber immer wieder wiederholt werden. Dem Regisseur Florian Gottschick kann man die Anspannung im Gesicht deutlich ablesen. Mit meiner Kamera bewege ich mich vorsichtig am Set und versuche die Atmosphäre in Bildern einzufangen. In all dieser Anspannung hört sich das Auslösen meiner Nikon an wie ein Paukenschlag und mir ist dies fast peinlich. “Nein, ich kann das Klacken nicht abstellen.“ Was würde ich jetzt um eine kleine und lautlose Leica M mit einem 90er Objektiv geben!

Benno Fürmann bewegt sich gut gelaunt auf dem Set und hat kein Problem damit, auch eine kleine Attraktion zu sein. Er zeigt keinerlei Starallüren. Es sind einige Besucher, auch Kinder, am dem Set. Man merkt ihm an, daß er sich in seiner Haut wohl fühlt. Einmal, als ich ihn im Gespräch mit dem Regisseur fotografiere, reißt er den Kopf rum und blickt direkt in die Kamera. Augenblicklich höre ich auf zu fotografieren und fühle mich wie ein Jäger, der Wild aufgescheucht hat. Es gibt Menschen, die beschreiben Fürmanns Blick aus blau-grünen Augen, als „intensiv, stahlhart oder eiskalt“, als den „Röntgenblick“.

Das Interview kannin der Mittagspause stattfinden. Porträtfotos will Benno Fürmann aber nicht. Es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Ich muß also meinen Plan ändern und „drum herum arbeiten“. Während die Journalistin das Interview führt, versuche ich davon Fotos zu machen ohne dabei zu stören. Das gelingt mir auch.

Da es Sonntag ist, gibt es auch ein Sonntagsessen – Schnitzel mit Klößen. Wahlweise auch in einer vegetarischen Variante mit Tofu. Mir wird bewußt, daß – wie auf einem Schiff – der wichtigste Mann gleich nach dem Regisseur der Koch ist.

Das Interview ist beendet, und ich habe meine Bilder. Ich beobachte noch einige Zeit die Aufnahmen und fühle mich an Truffauts „La Nuit américaine“ erinnert. Dann mache ich mich auf um zurück nach Frankfurt zu fahren.

Der Film „Nachthelle“ hat am 4. November 2015, um 22:45 im RBB seine TV-Premiere. Siehe: Ankündigung mit Trailer von „Nachthelle“ im RBB.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

Links:

Webtagebuchs: https://volkermuth.wordpress.com

Artikel der Westfälischen Nachrichten: http://www.wn.de/Welt/Kultur/Von-seiner-weichen-Seite-Macho-Mime-Benno-Fuermann-entdeckt-im-Babelsberger-Diplom-Film-Nachthelle-einen-weiblichen-Teil

Der Regisseur: http://www.floriangottschick.de

Beruf(ung) – Peter Zingler

Zingler

Er weiß, wovon er spricht…

„Schulabbruch, danach Ein- und Ausbrecher“ – so faßt Peter Zingler kurz und knapp die ersten 40 Jahre seines Lebens zusammen. Er hat in Marokko, Spanien, Sizilien, Jamaika und wie er selber schreibt „in internationalen Gefängnissen“ gelebt. Seit seiner letzten Haftentlassung 1985 arbeitet er als Journalist, Buch- und  Filmautor sowie Regisseur. Inzwischen gehört er zu den erfolgreichsten Drehbuchautoren für Fernsehkrimis in Deutschland. Drehbücher hat er u.a. für „Tatort“, „Schimanski“ und „Ein Fall für Zwei“ geschrieben.  Es ist sein „zweites Leben“, wie er selber sagt.

Trifft man ihn, so fallen seine wachen Augen auf. Es ist einfach, mit ihm ins Gespräch zu kommen, weil er nie um eine Geschichte und einen Witz verlegen ist. Seine charakteristische Stimme bleibt einem auch nach dem Treffen im Ohr. Hüte sind ein ständiger Begleiter – es soll Menschen geben, die sich schon gefragt haben, ob er sie mit ins Bett nimmt.

„Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluß“, das ist der Titel eines französischen Films.  In 90 Minuten wird darin gezeigt, daß das Leben genau das Gegenteil ist. Dem wird Peter Zingler sicher zustimmen.

Er lebt aus Überzeugung im Frankfurter Ostend und liebt es, am Main spazierenzugehen, dabei zu meditieren – auch wenn er sich dann plötzlich in Offenbach wiederfindet.

Die Fotoserie

Für mein Porträtprojekt „Beruf(ung)“ porträtiere ich Menschen, von denen ich den Eindruck gewonnen habe, daß sie Ihre Berufung gefunden haben. Mein Ziel ist es, später ein Mosaik zusammengestellt aus unterschiedlichen Menschen zeigen zu können. Ein Mosaik, das nur dadurch zusammengehalten wird, daß alle Porträtierten für sich ihre Berufung im Leben gefunden haben. Als ich vor Jahren den Frankfurter Maßschneider Bernd Vögler kennenlernte, traf ich zum ersten Mal jemanden, bei dem mir die „Berufung“ klar entgegengetreten ist. Dies war der Auslöser für das Porträtprojekt „Beruf(ung)“.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

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Peter Zingler:          http://www.peter-zingler.com

Webtagebuch:         https://volkermuth.wordpress.com

„Kunststück Offenbach“ – Ein Frankfurter bei den Kickers in Offenbach

„Auf keinen Fall auf den Rasen“! Der Platzwart im Stadion der Kickers Offenbach läßt keinen Zweifel daran, daß er in diesem Punkt keinen Spaß versteht. Diskutieren ist keine Option. Wahrscheinlich würde er den Rasen, wie in Asterix bei den Briten, mit der Lanze in der Hand gegen anstürmende Frankfurter bis zum Letzten verteidigen. Der Rasen wirkt wie manikürt. Es ist ein sonniger Tag und ich bin mit meinem Assistenten im Fußballstadion am Bieberer Berg, um dort die in Offenbach lebende und arbeitende Malerin Katja M. Schneider für das Fotoprojekt „Kunststück Offenbach“ zu fotografieren. Ziel dieses Fotoprojekts ist es, unterschiedliche Menschen, die in Offenbach künstlerisch tätig sind, zu porträtieren. In den vergangenen Monaten habe ich dazu bereits eine Reihe von Offenbacher Künstlern, wie z.B. den schon über 90 Jahre alten Maler und Grafiker Karl-Heinz Steib, porträtiert. Aber ich will keine „Künstler vor Staffelei“- Bilder schaffen, sondern auch deren Arbeit im Bild auf die eine oder andere Art mitschwingen zu lassen.

Warum nun ausgerechnet die Aufnahmen im Fußballstadion Bieberer Berg? Eines von Katja M. Schneiders künstlerischen Themen der letzten Jahre ist das, was sie selbst die – „Unabgeschlossenheit des Heldischen“ in der Gegenwart – nennt. Für sie sind die „Helden“ aus Fußball und anderen Sportarten zentrale Bildgestalten, die als Auslöser für ihre Bildideen Modell stehen. Nur, was sind überhaupt „Helden“? Der Held, so sagt der Philosoph Aristoteles, ist jemand, der uns ähnlich ist, mit dem wir uns identifizieren können, aber auch jemand, der uns an Größe, Kraft, Tüchtigkeit oder Streben weit überragt. Der Idealtyp des Helden liege zwischen dem Makellosen und dem Schuft. Die Schuftigkeit und Schroffheit wird ihm aber solange verziehen, wie er erfolgreich ist. Macht er aber einen Fehler – wankt seine „Herrschaft“. Jedem von uns fallen vermutlich augenblicklich Namen von gefallenen Helden ein, wie ehemalige Tennisstars, die sich nach ihrem Karriereende nicht gefangen haben und für die man sich heute nur noch „fremdschämen“ kann.

Das Ergebnis sind Gemälde, die bei Fußballfans nicht unbedingt auf Begeisterung stoßen, weil sie Aspekte hinter dem reinen Sportereignis thematisieren, die der normale Fan nicht sehen will. Sie zeigen eine Ebene hinter dem Sportereignis, die tiefer geht als der Gewinn einer Meisterschaft und etwas sehr Allgemeingültiges erkennen läßt.

Die fertige Portraitserie „Kunststück Offenbach“ wird vom 21. September bis zum 19. Oktober 2014 im Haus der Stadtgeschichte Offenbach ausgestellt werden.

Das Haus der Stadtgeschichte vereint das Stadtmuseum und das Stadtarchiv Offenbachs. Mit seinem anspruchsvollen Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm hat sich das Haus als kultureller Pfeiler im östlichen Rhein-Main-Gebiet etabliert.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen http://www.volkermuth.net

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http://www.volkermuth.net

http://www.kmschneider.de

http://www.haus-der-stadtgeschichte.de

Kleider. Leute. Machen.

Fotografien von Arbeits- und Unternehmenskultur

Im letzten halben Jahr habe ich an einer Porträtreihe von Menschen in ihrer Arbeitskleidung gearbeitet. Ich habe sie „Kleider. Leute. Machen.“ genannt. Arbeitskleidung vereint unterschiedliche Funktionen: Schuhe mit Stahlkappen oder Warn-westen tragen zur Sicherheit bei, Krawatten in Unternehmensfarben oder Hemden mit eingesticktem Firmenlogo wollen das Gemeinschaftsgefühl fördern. Arbeitskleidung kann durch Vorschriften definiert oder auch informell sein, wie etwa der weiße Arztkittel oder dunkel gehaltene Anzüge von Unternehmensberatern. Obwohl nicht explizit vorgeschrieben, entwickelte sich in vielen Branchen eine unausgesprochene Kleidungsnorm, die stark uniform wirken kann. Wie durch ein Brennglas zeigen sich in der beruflichen Montur das Selbstverständnis der Mitarbeiter und die Kultur eines Unternehmens. Zudem spiegelt Arbeitskleidung das Selbstbewußtsein der Mitarbeiter, den Stolz auf ihr Tun und die Identifikation mit ihrem Unternehmen wider.

Die Fotografie ist das ideale Medium um diese Nuancen sichtbar zu machen, denn eine Fotografie „friert“ einen  Augenblick ein. Die großen Abzüge laden dann dazu ein, den Porträtierten genauer zu betrachten. So werden Details und Zusammenhänge sichtbar, die sonst übersehen worden wären.

Vorgehen

Die Bilder der Reihe „Kleider. Leute. Machen.“ sind alle in den Unternehmen vor Ort entstanden. In einem Fall bin ich sogar fast 1.200m unter die Erde gefahren um Bergleute zu porträtieren. Alle Porträts wurden mit meiner analogen 4×5 inch Plaubel Großformat-kamera und meiner 6×6 cm Rolleiflex fotografiert. Aufgrund der Lichtverhältnisse vor Ort habe ich häufig mit einer Blitzanlage gearbeitet. Beleuchtung und geringe Schärfentiefe lösen den Porträtierten vom Hintergrund, lassen aber die charakterisierende Umgebung des Arbeitsplatzes noch erkennen.

Die Negative wurden eingescannt und die Abzüge anschließend auf großformatigen Alu-Dibond Platten digital gedruckt. Auf Retuschen oder Montagen habe ich bewusst verzichtet.

Die meisten Menschen, die ich porträtiert habe, habe ich vorher nicht gesehen. Es gab kein „Casting“. In der Regel wußte ich weder, wen ich fotografiere würde noch wo. Ich mußte immer kurzfristig entscheiden – sehen, was möglich ist und was nicht. Das ist für einen Fotografen nicht immer eine angenehme Situation aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß wenn man sich darauf einläßt und auf Überraschungen flexibel reagiert, man oft mehr erreichen kann, als wenn man alles von Beginn hätte planen können.

Für mich ist Fotografie eine Mischung aus Handwerk, Kunst und Psychologie. Wesentlich ist es, in meinen Augen, eine Beziehung aufzubauen, eine Meinung zu entwickeln. Don McCullin, ein englischer Kriegsberichterstatter hat gesagt: Photography for me is not looking, it’s feeling. If you can’t feel what you’re looking at, then you’re never going to get others to feel anything when they look at your pictures.“ Damit stimme ich vollkommen überein.

Motivation

Ich empfinde es als ein Privileg, daß ich als Fotograf in unterschiedlichste Lebenswelten einen Einblick erhalte.  Porträtfotografie ist für mich immer ein Dialog. Mit jedem meiner Bilder versuche ich die Menschen, die ich fotografiere, zu charakterisieren und eine Geschichte zu erzählen. Deshalb fotografiere ich auch vor Ort mit einem sichtbaren Hintergrund. Der einzelne Mensch steht bei mir im Mittelpunkt und für mich hat jeder eine Geschichte und verdient, es im Mittelpunkt zu stehen. Auch deshalb habe ich mich entschieden, die Bilder so groß zu vergrößern. Denn so will ich ganz normalen Menschen ein nicht alltägliches Maß an Raum und respektvoller Anerkennung geben.

Ausstellung

Die Fotografien sind nach der Ausstellung im Haus am Dom in Frankfurt vom 27. August bis zum 27. September 2013 in Gateway Gardens, am Frankfurter Flughafen zu sehen. Der Besuch der Ausstellung ist jederzeit möglich und kostenlos. Der Eingang in den Park befindet sich in der Amelia-Mary-Earhart-Straße in Gateway Gardens.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

Presseecho zur Ausstellung:

FAZ 03.08.2013 RdIk Ausstellung Frankfurter Rundschau 02.08.13 RdIk Ausstellung

Beruf(ung) – Volker Michels

Volker Michels ist ein Büchermensch – das wird jedem, der sehen kann, sofort bewußt, wenn er die Wohnung im ersten Stock in der Offenbacher Innenstadt betritt. Bis unter die Decke reichen die vollen Bücherregale, jeder Fleck der Wohnung ist belegt. Es herrscht eine angenehme und entspannte Atmosphäre, von der Straße dringt kein Lärm hinauf, die Außenwelt verliert an Bedeutung. Unwillkürlich möchte man ein Buch in die Hand nehmen und zu lesen beginnen.

Volker Michels ist Lektor und Herausgeber. Sein Hauptaugenmerkt liegt auf dem literarischen, brieflichen und bildnerischen Nachlaß von Hermann Hesse. In Zusammenarbeit mit Hermann Hesses Sohn Heiner hat er ein von Forschern aus aller Welt benutztes Hermann Hesse-Editionsarchiv aufgebaut. In langen Ordnerreihen liegen Erstausgaben, Manuskripte, Rezensionen, Hesse-Übersetzungen, Sekundärliteratur, Widmungen, Fotos, aber auch Aquarelle von Hermann Hesse. Alles ist nach einem eigenen System geordnet. Es ist die Grundlage der täglichen Arbeit von Herrn Michels.

Alles begann mit einem Brief, den der Internatsschüler Michels an den Nobelpreisträger Hesse schrieb. Der Schulroman „Unter dem Rad“ hatte ihn tief beeindruckt, seine eigenen Erfahrungen im Internat fand er dort wieder. Also schrieb er einen Brief – und erhielt eine Antwort. Daraus entwickelte sich ein Briefverkehr, der bis zum Tod von Hesse 1962 anhielt.  1969 holte ihn Siegfried Unseld, der Verleger des Suhrkamp- und Insel Verlags, als Lektor für deutsche Literatur. Dort arbeitete er fast 40 Jahre. Die Bibliographie der von Volker Michels herausgegeben Bücher umfaßt annähernd 150 Titel. Es sind dies Werke von Autoren des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Die Stimmung in diesem Bücherparadies ist ruhig und konzentriert. Man scheut hektische Bewegungen, Lautes. Vielleicht braucht man gerade diese Art von Ruhe, wenn man an Herkulesaufgaben arbeitet. Vor diesen hat Volker Michels keine Angst – 2007 schloss er die erste, 21 Bände umfassende Hesse-Gesamtausgabe ab. Sie umfaßt etwa das Doppelte dessen, was Hesse zu Lebzeiten in Buchform vorgelegt hat. Seit 2008 arbeitet Michels nun an einer auf zehn Bände angelegten Ausgabe von Hermann Hesses Briefen, die als Ergänzung der „Sämtlichen Werke“ konzipiert ist. Der erste Band ist im vergangenen Jahr erschienen. Die Suche nach Briefen von Hermann Hesse erfordert dabei manchmal einen detektivischen Spürsinn, den man bei einem Büchermenschen nicht vermuten würde.

Volker Michels ist aber nicht der Hohepriester eines Hesse-Kultes und sein Archiv hat nicht den Zweck der „Anbetung“ des Idols Hermann Hesse. Ganz im Gegenteil, Volker Michels versuchte mich nicht von der Einzigartigkeit Hesses zu überzeugen, sondern seine Arbeit mit dem Autor und Mensch Hesse hat eine Natürlichkeit und Unaufgeregtheit, die man auch finden kann, wenn man sich das Porträt von Hermann Hesse ansieht, das am Schreibtisch von Volker Michels an der Wand hängt. Es zeigt einen bescheiden auftretenden älteren Mann, der ganz bei sich ist – abgeklärt aber nicht resigniert. Möglicherweise ist genau dieser „Mangel“ an Selbstinszenierung dafür verantwortlich, daß Hesse vom Leser geliebt wird aber nicht unbedingt von der Literarturkritik. Michels sagt dazu: „Hesse spricht Probleme direkt an. Sie sind nicht verschlüsselt und müssen nicht erst gedeutet werden. Dadurch ist er bei Literaturwissenschaftlern, die ja lieber ihre eigenen Interpretationen hören wollen, nicht unbedingt beliebt.“ Hesse ermutigte seine Leser, auf eigenen Beinen zu stehen und sich gegen jede Art von Bevormundung seitens politischer oder religiöser Gemeinschaften mit festen dogmatischen Regeln zu wehren: „Leben Sie nach dem Drang ihres Herzens!“ Auch weigerte er sich, allgemeingültige Rezepte und Leitlinien zu geben und machte dagegen Mut zur Selbsthilfe: „Nicht fremde Autoritäten, sondern nur wir selbst können unsere Probleme lösen; nur der Einzelne ist erziehbar und verbesserungsfähig.“ Dafür verteidigt der sonst so ruhige Volker Michels auch mit Verve Hesse gegen die Abneigung eines Marcel Reich-Ranicki.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net

Links:

http://faustkultur.de/autoren-kuenstler/volker-michels.html

http://faustkultur.de/kategorie/literatur/volker-michels-zur-rezeption-hermann-hesses.html

http://www.hermann-hesse.de

Porträtaufnahmen am Flughafen

Einen Menschen zu fotografieren ist einfach – Kamera einschalten, Ausschnitt wählen, Auslöser drücken. Autofokus und Belichtungsautomatik erledigen dann den Rest. Mit etwas Glück ist der Kopf nicht abgeschnitten.

Einen Menschen in einer Fotografie zu charakterisieren, so, daß sein Wesen  sichtbar wird, ist etwas ganz anderes.

Herr Holger Eckstein – Gründer von „My Mission“ und Autor von „Lebe Deine Mission“ (http://holgereckstein.de) sprach mich genau mit diesem Wunsch an. Nun, wie fotografiert man einen Menschen, der anderen hilft, ihre Berufung zu finden? Einen Handwerker kann man mit seinen Werkzeugen und seinen Produkten fotografiere, einen Schriftsteller zur Not mit seinen Büchern, aber einen Coach?

Ein Porträtfoto ist für mich immer ein Dialog zwischen Porträtiertem und Fotograf. Ohne ein echtes Interesse des Fotografen und Vertrauen des Fotografierten kann sich nichts entwickeln. Das Ergebnis sind dann inszenierte Bilder, die mit dem Wesen des Fotografierten kaum etwas gemein haben. Herr Eckstein beschrieb mir sein Konzept und schilderte mir nachdrücklich seine Erfahrungen. Ein echter Coach ist ein Mensch, der ein Ruhepol in einer hochtechnisierten, arbeitsteiligen Welt ist, aus seiner Persönlichkeit schöpft und dadurch Menschen inspirieren kann, ihre Anlagen zu erschließen. Ein Bahnhof mit seinen Menschenmassen, die sich durch die Gänge und über die Bahnsteige schieben, getrieben von Terminen – dies ist für mich eines der Sinnbilder der modernen Welt. Aus diesem Eindruck heraus hat sich dann meine Bildidee entwickelt, Herrn Eckstein in einem großen Bahnhof zu porträtieren. Die gewollte Bewegungsunschärfe betont die Geschäftigkeit der Umgebung, aber auch das „In-sich-selbst-ruhende“ des Coach Holger Eckstein.

Holger Eckstein – Gründer von „My Mission“, Autor von „Lebe Deine Mission“

Auf einem belebten Bahnhof Porträtfotos zu fotografieren ist eine interessante Erfahrung – Passanten sind neugierig und erstaunlich geduldig, denn sie vermuten, daß eine „Celebrity“ gerade fotografiert wird. Man lernt nette Menschen kennen, wenn man sein Gepäck nur kurz stehen läßt und es scheint, als habe es möglicherweise keinen Besitzer mehr.

Es ist das Privileg eines Fotografen, immer wieder die unterschiedlichsten Menschen kennen zu lernen und damit eine andere Sicht auf die Welt zu erfahren. Wenn der zu Porträtierende sich dann auf einen Dialog mit dem Fotografen einläßt, entstehen bemerkenswerte Fotografien.

Volker Muth – Ein Bild von einem Unternehmen www.volkermuth.net